Ich habe letzte Woche im Supermarkt etwas erlebt, was mich nicht mehr loslässt. Vor mir in der Schlange wurde eine ältere Dame von einem anderen Kunden lautstark und aus meiner Sicht völlig ungerechtfertigt beschimpft, nur weil sie etwas länger nach ihrem Geld suchte. Ich war wie erstarrt und habe in dem Moment nichts gesagt, obwohl ich das Gefühl hatte, dass hier jemandes Würde verletzt wurde. Jetzt frage ich mich, warum es mir so schwer fiel, einfach eine klare Haltung zu zeigen.
Das trifft mich. So ein Moment sitzt im Bauch wie eine kalte Hand. Respekt gegenüber der Dame war das Erste, was mir fehlte, als der andere laut wurde, ich habe einfach erstarrt.
Vielleicht steckt mehr dahinter als bloße Furcht vor Ärger. In der Schlange muss man Gefühle, Deeskalation und die Folgen eines Gesprächs gleichzeitig managen. Meine Haltung schien zu fehlen weil ich im Kopf abwägte wie sehr ich eingreifen würde und welche Folgen das hätte. Respekt gegenüber allen Beteiligten bleibt dabei ein wichtiger Maßstab.
Vielleicht habe ich die Szene falsch gelesen oder mir geschworen, dass ich nichts sagen soll. Vielleicht war der andere Kunde einfach laut, während ich es persönlich nahm.
Vielleicht ist die Frage falsch gestellt, was bedeutet eigentlich klare Haltung?
Vielleicht ist die Idee einer klaren Haltung zu stark moralisiert. Manchmal ist Stille eine Reaktion die mehr sagt als Worte und niemand muss jeden Konflikt lösen.
Vielleicht hilft es das Thema neu zu rahmen etwa indem man von gemeinschaftlicher Würde spricht statt von Mut zum Reden. Ein erster Schritt könnte eine kurze höfliche Ansprache oder das Personal herbeiziehen sein.