Ich war letzte Woche bei einer Familienfeier und habe mich mit meinem Onkel über seine Arbeit unterhalten. Er ist seit dreißig Jahren Schreiner und hat mir von einem Auftrag erzählt, bei dem er eine komplette Inneneinrichtung aus Eiche für ein altes Fachwerkhaus anfertigen musste. Dabei ist mir aufgefallen, wie er immer wieder von der "Materialgerechtigkeit" gesprochen hat – also diesem Grundsatz, das Holz so zu bearbeiten, dass seine natürlichen Eigenschaften zur Geltung kommen. Das hat mich irgendwie nachdenklich gemacht. In meinem eigenen Job geht es meist nur um Effizienz und das Einhalten von Vorgaben. Ich frage mich, ob dieser Respekt vor dem Werkstoff und dem Prozess in den meisten Berufen heute überhaupt noch einen Platz hat, oder ob das ein Luxus ist, den sich kaum noch jemand leisten kann.
Ich höre die Säge rieche den Eichenholzduft und spüre wie die Maserung Geschichten erzählt. Materialgerechtigkeit wirkt wie eine stille Beziehung zum Werkstoff und eine Einladung ihn ehrlich zu zeigen statt ihn zu perfektionieren
Im Beruf geht es oft um Passgenauigkeit und Termine doch Materialgerechtigkeit fordert eine andere Perspektive. Es geht um Spannungen Faserverlauf und um wie die Maserung beim Schnitt mit spricht statt stumpf zu folgen und am Ende die Natur zu respektieren
Ich dachte zuerst es geht um sparen und recyceln doch er meinte es geht darum das Holz selbst zu hören und ihm seinen Raum zu geben damit es atmen kann
Klingt nett doch wer bezahlt das in einer Firma mit Druck und Kostendruck
Vielleicht dreht sich die Frage dahin wie man Arbeitskultur gestaltet die nicht nur Ergebnisse jagt sondern auch eine Beziehung zum Material und zum Prozess herstellt
Was würde passieren wenn mehr Berufe den Blick fürs Material schärfen würden und wie sähe eine Arbeitskultur aus die nichts aus dem Werkstoff herausdrängt?