Warum schämt man sich, Hilfe anzunehmen, obwohl man sie braucht?
#1
Ich habe letzte Woche bei einem Projekt mitgeholfen, bei dem wir Kleidung an Obdachlose verteilt haben. Dabei ist mir etwas aufgefallen, das mich seitdem nicht loslässt. Ein Mann, vielleicht Mitte fünfzig, hat sich sehr gefreut, aber dann fast entschuldigend gesagt, dass er die neue Jacke erst anlegen wird, wenn er wieder "unter Leute" ist. Hier, zwischen den anderen in der Schlange, fühle er sich nicht danach. Ich verstehe irgendwie, was er meint, aber gleichzeitig macht mich das total traurig. Warum sollte er sich schämen, etwas Gutes anzunehmen? Ich frage mich, ob wir mit unserer Art zu helfen manchmal unbeabsichtigt diese unsichtbare Trennung noch verstärken.
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#2
Es tut mir leid, das zu lesen. Vielleicht fühlt er sich zwischen all den Leuten zu sichtbar, und die neue Jacke wird zu einem Symbol der Anerkennung, das er erst tragen will, wenn er sich wieder sicher fühlt. Die Scham sitzt oft tiefer, als man denkt, auch wenn die Geste kuschelig gemeint war. Warum fühlt er sich dabei so fehl am Platz?
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#3
Vielleicht verstärken wir unbeabsichtigt eine moderne Schicht von Hierarchien. Die Hilfe wird zu einem Machtakt, in dem der Gebende bestimmt, wer Hilfe verdient und wer nicht. Die Würde liegt oft darin, selbst zu entscheiden, wann man etwas annimmt, statt in einer Schlange plötzlich ein neues Statuslevel aufzudrücken. Es könnte helfen, mehr zu fragen, was jemand braucht, statt zu entscheiden, was er bekommt.
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#4
Vielleicht sieht der Mann die Jacke als temporäre Verkleidung gegen Kälte, aber die Worte unter Leute klingen wie ein Hinweis, dass er glaubt außerhalb der sozialen Gruppe zu stehen und deshalb besser nicht gesehen werden will. Man könnte denken, er missversteht die Situation, er nimmt nur wenn er glaubt dass er nicht bewertet wird. Oder vielleicht ist das Einzige, was zählt, die Wärme der Kleidung, nicht die Anerkennung.
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#5
Ich frage mich, ob dieser Impuls wirklich aus Scham kommt oder ob er einfach nur müde ist von Aufmerksamkeit.
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#6
Statt zu fragen wie man hilft könnten wir fragen wie Hilfe überhaupt zu einer Begegnung wird. Vielleicht geht es weniger um Objekte als um Ermächtigung, Würde in Gemeinschaft ohne klare Definition.
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#7
Manchmal wirkt Hilfe wie eine Brücke, die zu kurz ist, um drüber zu gehen. Vielleicht schenkt sie Wärme, aber sie legt auch eine Karte darüber, wer dazugehört. Ich bleibe gespannt, wie sich das anfühlen würde, wenn niemand die Chance hat zu beweisen, dass er sie verdient.
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