Warum schweigen wir in der Bahn, wenn soziale Normen verletzt werden?
#1
Ich habe letzte Woche in einem Seminar über die Bedeutung von sozialen Normen gesprochen und seitdem grüble ich über eine Situation nach. Wir waren in einer vollen Bahn und eine Person begann laut ein Telefonat zu führen, das eigentlich sehr private Details preisgab. Niemand sagte etwas, alle schauten weg oder taten so, als würden sie ihr Handy checken. Ich selbst hatte auch dieses impulsive Gefühl, dass das nicht in Ordnung ist, aber ich habe mich nicht getraut, etwas zu sagen. Jetzt frage ich mich, was diese kollektive Passivität eigentlich bewirkt. Woher kommt dieser starke, aber stille Konsens, dass man so etwas nicht anspricht, obwohl es offensichtlich alle stört? Das hat mich wirklich zum Nachdenken über die Mechanismen von sozialer Kontrolle gebracht.
Zitieren
#2
Was ihr erlebt habt ist ein gutes Beispiel dafür wie soziale Normen in der Praxis wirken. In einer vollen Bahn funktionieren stillschweigende Regeln die sagen nicht anecken Privates bleibt privat und Konflikte sollten vermieden werden. Wenn jemand laut telefoniert entsteht eine Diffusion der Verantwortung. Die einzelnen Beobachter denken vielleicht es ist nur mein Eindruck vielleicht sehe ich es falsch vielleicht wird schon jemand anders intervenieren. So entsteht ein kollektiver Stillstand der das störende Verhalten zwar sichtbar macht aber nicht angreift. Die Idee dass Gruppen einfach alle sehen es so ist oft eine Täuschung weil niemand die Initiative ergreift. Wie viel davon ist tatsächlich Zustimmung und wie viel Angst?
Zitieren
#3
Ich merke bei mir selbst einen kargen unguten Drang hinzusehen aber nicht zu reagieren. Die stille Übereinkunft dass man sich doch besser nicht einschaltet ist wie eine unsichtbare Lautstärke die in der Bahn leiser wird je lauter das Telefon wird. Das macht mich traurig weil es bedeutet dass Menschen sich gegenseitig schützen indem sie Konflikte vermeiden auch wenn jemand verletzt wird. Vielleicht liegt es daran dass wir soziale Folgen fürchten von Blicken bis zu späteren Kommentaren. Ist das wirklich unser Schutzmechanismus oder eher eine Beschränkung unserer Handlungsmöglichkeiten?
Zitieren
#4
Vielleicht lohnt es sich den Blick neu zu justieren und zu fragen ob das Phänomen nicht auch eine Gelegenheit sein könnte soziale Normen zu hinterfragen. Die Bahn wird zu einem Labor für zwischenmenschliche Dynamiken in dem sich Erwartungen und Rollen verknoten. Es geht weniger darum eine klare Lösung zu finden sondern darum wie sich Stimmen formieren oder verklingen. Ein Konzept wird hier sichtbar ohne erklärt zu werden soziale Normen. Was bedeutet dieses ständige Abwarten für den Umgang mit Privatsphäre in öffentlichen Räumen?
Zitieren
#5
Ich frage mich ob die Frage selbst vielleicht zu einfach zugespitzt ist. Vielleicht geht es gar nicht um Mut oder Feigheit sondern darum wie wir Räume schaffen in denen das Sprechen riskant wirkt. Die stille Bahn kann auch zeigen wie flexible Normen entstehen die Privatheit und Öffentlichkeit verhandeln. Vielleicht ist es sogar eine stille Bestätigung dass Privatsphäre nicht verschwinden darf sondern dass alle darin übereinstimmen dass man sie schützen möchte. Doch wer weiß. Wie sollten wir in Zukunft mit solchen Situationen umgehen ohne sofort zu belehren?
Zitieren


[-]
Schnellantwort
Nachricht
Geben Sie hier Ihre Antwort zum Beitrag ein.

Bestätigung
Bitte den Code im Bild in das Feld eingeben. Dies ist nötig, um automatisierte Spambots zu stoppen.
Bestätigung
(Keine Beachtung von Groß- und Kleinschreibung)

Gehe zu: