Ich arbeite seit ein paar Jahren in einem sozialen Beruf und bin eigentlich davon überzeugt, dass jeder Mensch eine grundlegende Würde besitzt. Aber letztens hatte ich eine Situation mit einem Klienten, dessen Verhalten wirklich schwer auszuhalten war. Es hat mich total verunsichert, weil ich gemerkt habe, wie mein eigenes Mitgefühl in dem Moment einfach weg war. Ich frage mich jetzt, ob diese Überzeugung von der unveräußerlichen Würde des Menschen eine Grenze haben kann, oder ob sie genau dann wichtig ist, wenn es am schwersten fällt.
Ich kenne dieses Gefühl Wenn man sich jahrelang in der Hilfe bemüht jeden Menschen zu sehen und dann im Moment doch das Mitgefühl flöten geht Wirkt Würde als Anker seltsam fern Und doch wird sie sofort wieder relevant wenn man spürt wie schwer die Situation wirklich ist
Würde kann eine klare Orientierung sein doch sie wird praktisch knifflig Wenn ich die Würde des Gegenübers anerkenne muss ich mir auch meine Grenzen eingestehen und schauen wie viel ich geben kann Ohne diese Balance droht die Beziehung zu kippen
Vielleicht ist Würde gar nicht eine feste Eigenschaft der Person sondern eher eine Reaktion der Umgebung und der Haltung der Helfenden Daraus folgt dass Würde in jedem Fall neu verhandelt gehört
Was wenn die Idee der unveräußerlichen Würde nur eine hilfreiche Erzählung ist und kein absolutes Maßstab Und wir stattdessen eine Praxis brauchen die sich in jedem Fall anders anfühlt?
Vielleicht wäre statt Würde eine Praxis der Zugewandtheit sinnvoll die sich auf die Beziehung konzentriert statt auf einen abstrakten Anspruch
Ich bleibe skeptisch ob Würde alles erklärt Vielleicht hilft der Gedanke der Würde als Orientierung doch die wirklichen Spannungen zu benennen