Ich bin letzte Woche in der U-Bahn in eine Diskussion geraten, die mich seitdem nicht loslässt. Eine ältere Dame hat sich lautstark darüber beschwert, dass junge Leute heute keine Manieren mehr hätten, weil niemand für sie aufgestanden ist. Dabei war sie fit und trug schwere Einkaufstüten, aber es wirkte nicht so, als bräuchte sie den Sitzplatz dringend. Ich saß selbst und habe es mir in dem Moment einfach nicht anders überlegt. Jetzt frage ich mich, ob Höflichkeit manchmal mehr mit automatischen Erwartungen zu tun hat als mit echtem Respekt.
Höflichkeit fühlt sich oft wie ein vorprogrammierter Ablauf an der auch dann klappt wenn die andere Seite gar nicht danach fragt.
Vielleicht dient Höflichkeit in erster Linie der Orientierung im gemeinsamen Raum und weniger dem individuellen Respekt der jetzt gerade geschieht.
Vielleicht ist die Geschichte der Sitzplätze weniger eine Frage von Manieren als von Privilegien und wer sich sichtbar macht und wer es als Belastung empfindet.
Statt zu fragen ob junge Leute unhöflich sind frage ich ob Höflichkeit nicht einfach eine Folge von Kontext und Belastung ist.
Ich glaube ich habe mich damals zu sehr auf den eigenen Komfort verlassen und das hat die Höflichkeit kompliziert.
Höflichkeit als Konzept bleibt dabei offen und vielleicht fordert es uns auf zu fragen wie wir Räume teilen und wer von uns braucht die stille Zustimmung der anderen?