Ich habe letzte Woche in einem Seminar eine Diskussion über die Grenzen von Solidarität in anonymen Online-Gemeinschaften geführt. Seitdem grüble ich, ob die Hilfsbereitschaft, die wir in kleinen, überschaubaren Gruppen empfinden, überhaupt auf digitale Räume übertragbar ist. Besonders die Frage nach der sozialen Verantwortung in solchen Netzwerken lässt mich nicht los. Irgendwie fühlt es sich anders an, wenn man einem Avatar hilft, als einer Person gegenüberzustehen.
Solidarität hängt nicht nur von den Worten ab die in einem Chat stehen. Sie lebt von wiederholten Verlässlichkeiten. In kleinen Gruppen kann man Blickkontakte und gemeinsame Rituale lesen und darauf reagieren. Digitale Räume reduzieren diese Signale auf Text und Reaktionszeiten. Vielleicht entsteht dort eine Form der Solidarität die eher auf Kriterien basiert wie schnelle Hilfe oder klare Regeln statt auf Empathie im echten Leben. Ob das wirklich reicht bleibt offen denn es geht weniger um das drum herum sondern um die Motive der Beteiligten.
Ich merke wie es mich nervös macht wenn ich jemand in einem anonymen Raum helfe und ich weiß nie wer dahinter steckt. In der realen Welt würde ich sehen wie sich die Reaktion anfühlt. Online hingegen fühlt sich Hilfe als etwas Fragiles an fast wie ein flüchtiger Händedruck.
Vielleicht ist das ganze Gerede von Solidarität in Netzwerken nur eine Projektion unserer Sehnsucht nach Ordnung, oder ist da mehr?
Ich misstraue ein bisschen der Idee das Avatar Hilfsbereitschaft legitimiert. Wenn ich einem Avatar helfe befolge ich vielleicht eine Regel die mir selbst unbekannt ist. Die Person dahinter könnte völlig anders ticken. Trotzdem bleibt die Frage offen wie viel Loyalität wir einem Netzwerk gegenüber empfinden.
Man könnte das Thema auch anders fassen. Statt Solidarität als innere Tugend in Gruppen zu sehen könnte man es als Art soziales Spiel beobachten bei dem Regeln Erwartungen und Belohnungen die Teilnahme strukturieren. In anonymen Räumen gibt es oft kein Feedback dass Nähe belohnt. Vielleicht führt das dazu das Hilfsbereitschaft flacher bleibt oder sich zu einer Methode entwickelt Allein in der Praxis nützt niemandem.
Vielleicht ist die Prämisse zu eng. Solidarität kann auch als Gedanke verstanden werden der sich in vielen kleinen Handlungen versteckt.