Ich bin in einer ziemlich traditionellen Gemeinde aufgewachsen, aber seit ich studiere, hat sich mein Blick auf vieles verändert. Letztens saß ich mit Freunden zusammen, die alle ganz unterschiedliche Hintergründe haben, und wir kamen auf das Thema Rituale zu sprechen – nicht nur die großen, offiziellen, sondern auch die kleinen, privaten Handlungen. Eine Freundin erzählte, dass sie jeden Morgen, bevor sie das Haus verlässt, ganz bewusst eine Minute still dasitzt und sich auf den Tag einstimmt. Das hat mich nachdenklich gemacht. Bei uns zu Hause gab es immer strenge Abläufe, die einfach vorgegeben waren. Jetzt frage ich mich, ob so eine selbstgewählte Praxis, diese stille minute am morgen, für andere auch so eine Bedeutung haben kann. Ich spüre selbst eine Sehnsucht nach so einem persönlichen Anker, aber es fühlt sich seltsam an, etwas einfach für mich selbst zu „erfinden“, ohne dass es eine äußere Tradition trägt. Wie geht ihr mit so etwas um?

