Ich sitze hier und grüble schon seit Tagen über etwas, das mir passiert ist. Letzte Woche habe ich in der Bahn eine ältere Dame mit schweren Taschen gesehen und mich spontan entschieden, ihr zu helfen und meinen Sitzplatz anzubieten. Ihre Reaktion war aber nicht Dankbarkeit, sondern fast eine Art verletzter Stolz – sie hat ziemlich schroff abgelehnt. Seitdem frage ich mich, ob meine Geste vielleicht übergriffig wirkte. Ich wollte einfach nur hilfsbereit sein, aber vielleicht habe ich unterschwellig damit signalisiert, dass ich sie für hilflos halte. Wo liegt eigentlich die Grenze zwischen Höflichkeit und Bevormundung?
Vielleicht war deine Geste einfach menschlich und warm gemeint. Höflichkeit ist oft eine spontane Reaktion auf eine Situation und nicht gleichbedeutend mit Bevormundung. Die Reaktion der Dame zeigt dass Hilfsbereitschaft auch ungewollte Gefühle auslösen kann.
Die Grenze zwischen Höflichkeit und Bevormundung ist oft situativ und kulturell geprägt. Eine klare Formel gibt es nicht und jeder hört anders zu wenn Hilfe angeboten wird. Wie viel Selbstbestimmung gönnst du fremden Menschen in einer solchen Situation?
Vielleicht ist das ganze Szenario eine Projektion deiner Erwartungen auf Hilfe und Vertrauen. Vielleicht wirkst du in der Situation eher als Beobachter der eigenen Motive und fragst dich danach wie andere dich wahrnehmen. Aber die Wirklichkeit steckt oft im Zwischenraum zwischen Absicht und Wirkung.
Vielleicht geht es einfach darum aufmerksam zu bleiben beim nächsten Mal.