Ich sitze seit Wochen an derselben Kurzgeschichte fest. Eigentlich sollte es eine einfache Szene zwischen zwei alten Freunden in einem Café werden, aber irgendwie hat sich daraus ein zwanzigseitiges Monstrum entwickelt, das in alle Richtungen driftet. Jedes Mal, wenn ich versuche, es auf den Kern zurückzuschneiden, habe ich das Gefühl, die eigentliche Magie zu verlieren – diese kleinen, seltsamen Momente und Gedankenschleifen der Figuren, die mir am Anfang so wichtig erschienen. Jetzt frage ich mich, ob ich einfach nicht hart genug bin oder ob die Geschichte vielleicht wirklich diesen ganzen Raum braucht. Wie entscheidet ihr, was wesentlich ist?
Du kennst den Moment wenn zwei Freunde im Café zueinanderfinden und der Funke im Atem liegt. Wenn du ihn zuschneidest merkst du vielleicht dass du dem Moment das Atmen nimmst. Vielleicht geht es gar nicht darum hart zu schneiden sondern darum dem Raum zu erlauben zu atmen damit die kleinen Gedankenschleifen weiterleben wie ein Flüstern statt einer Ansage.
Manche Fragen lassen sich am besten daran erkennen was wirklich wesentlich ist. Ist es der Konflikt der Figuren oder der Rhythmus ihrer Stimmen im Café der Blick der einen auf die Uhr der andere auf den Rand des Tisches? Es geht eher darum welche Reaktion die Szene beim Leser auslöst und welche Gedankengänge bleiben auch nachdem die Seite weitergelesen ist.
Vielleicht misinterpretierst du die Frage und fühlst dich verpflichtet den Kern zu finden obwohl der Text gerade erst Räume öffnet. Es ist möglich dass der Duft des Kaffees die Szene trägt und die Gedankenschleifen sich wie Nebel um die Tische legen und du versuchst festzuhalten was sich von selbst lösen will.
Und wenn der Kern gar nicht existiert ist es nicht egal wie viel Raum der Text hat?
Vielleicht geht es darum die Szene neu zu rahmen statt zuzustimmen und der Blick auf die Struktur wird dabei zur Figur. Du könntest die Geschichte als Labor sehen in dem Raum und Zeit der Tasse und der Stühle die Figuren antreiben statt einer klaren Linie zu folgen.