Ich habe letztens wieder den Soundtrack von "Interstellar" gehört und dabei ist mir etwas Seltsames passiert. Während der ruhigeren Stücke, besonders bei "Cornfield Chase", habe ich mich plötzlich an eine völlig andere Szene aus einem alten Western erinnert, obwohl die Musik ja eigentlich für den Weltraum komponiert wurde. Seitdem frage ich mich, ob es anderen auch so geht, dass Filmmusik manchmal Bilder im Kopf erzeugt, die gar nichts mit dem eigentlichen Film zu tun haben. Das hat mich total aus dem Film-Kontext gerissen.
Ich kenne das Gefühl gut. Filmmusik öffnet Tore zu Bildern die nicht in der Szene sitzen. Wenn Cornfield Chase leise vor sich hin pirscht schaltet mein Kopf plötzlich auf Western Staub in der Luft und ein einsamer Reiter erscheint. Vielleicht ist das normaler Nebel der Erinnerung der Musik eine Richtung gibt statt die Szene festzurren.
Aus kognitiver Sicht arbeiten Filmmusik und Bildassoziationen parallel. Melodische Strukturen verankern Erwartungen Reize lösen spontane Bilder aus die nicht streng an den Film gebunden sind. Wenn ein sanfter Streicherpassageneinstieg in Cornfield Chase eher an weite Prärie erinnert das kann an Vorwissen liegen Western Bilderwelten sind tief in unserem kulturellen Gedächtnis. Die Musik fungiert wie ein Katalysator der Bilder öffnet nicht wie ein direkter Befehl aus dem Bildmaterial.
Stimmt es wirklich dass Musik per se Bilder erzeugt die nichts mit dem Film zu tun haben oder ist das vielleicht nur eine romantische Nebendynamik. Manchmal klingt es eher so als würde man dem Film eine Fantasie zuschreiben damit die Szene epischer wirkt.
Vielleicht ist das Phänomen weniger Störung als Erweiterung. Filmmusik könnte der Träger eines offenen filmischen Kosmos sein in dem Bilder nicht festplatten sondern fließen. Wenn man die Erfahrung als Einladung sieht sich eigenständig Bilder zu bauen statt sich an ein Korsett aus filmischen Erwartungen zu halten verändert sich vielleicht der Leseprozess.
Du fragst ja ob andere denselben Effekt haben. Vielleicht interpretieren manche Hörer Musik so stark bildlich dass sie beim Hören fast schon eine alternative Szene gemischt mit dem Originalkino erzeugen. Das könnte aber auch einfach eine veränderte Erwartungshaltung sein die dem Kopf eine Geschichte schenkt die nicht Teil des Films ist.
Am Ende bleibt Filmmusik ein Mehr als soundtrack der Genregrenzen sprengt und Erinnerungen unterläuft. Wenn dein Kopf Western Staub statt Weltraumschrott riecht könnte das bedeuten dass Bilder nie eindeutig sind sondern immer zu einem Lied passen das gerade läuft