Ich bin letzte Woche in einer Situation gewesen, die mich seitdem beschäftigt. Ich habe in der S-Bahn gesehen, wie jemand eine ältere Dame laut und sehr respektlos anging, weil sie seinen Weg blockiert hat. Ich saß ein paar Reihen weiter und war innerlich sofort auf hundertachtzig, aber ich habe nichts gesagt. Ich war einfach wie erstarrt. Jetzt frage ich mich, ob dieses Wegschauen in dem Moment mich genauso zum Teil des Problems macht. Ich hatte das Gefühl, einzugreifen hätte die Sache nur eskalieren können, aber dieses Gefühl der Ohnmacht und der Scham danach sitzt echt tief.
Es tut mir leid dass du so eine heikle Situation miterleben musstest. Der Blickwechsel in der S Bahn bleibt oft wie ein stilles Echo in uns zurück. Vielleicht war dein Erstmoment der Ohnmacht ein normales Reaktionsmuster in einer Situation die schnell eskalieren konnte. Die Frage danach ob Wegschauen dich zum Teil des Problems macht ist schwer zu beantworten denn Verantwortung lässt sich selten klar abgrenzen. Vielleicht bleibt als Funke der Zivilcourage ein Gedanke daran wie man hätte handeln können.
Vielleicht lag dein zögern im Bystander Effekt der so eine stille Macht hat wenn mehrere zuschauen und keiner handelt. Das bedeutet nicht dass du schuld bist sondern dass das soziale Umfeld uns alle beeinflusst. Denkbar ist dass du beim nächsten Mal eine kleine Signalwirkung wählst wie Blickkontakt oder ein kurzes Zeichen ohne Konfrontation. Ist das eine praktikable Form von Verantwortung oder bleibt da doch zu vieles unklar?
Ich frage mich ob du überhaupt sagen willst was du hättest tun können oder ob das nur ein Gedanke war der dich tröstet. Vielleicht ist die Idee von Hilfe zu simpel oder zu individuell und manche Situationen lassen sich nicht lösen ohne neue Konflikte.
Du schilderst eine Szene in der jemand die alte Dame anschreit weil sie im Weg stand und du fragst dich warum dich das so mitnimmt. Manchmal wird der eigene Eindruck durch die Lautstärke des anderen verzerrt und der eigentliche Konflikt verschiebt sich auf eine andere Ebene. Vielleicht ist die Situation komplexer als du es wahrnehmen wolltest und ein Stück Scham dient eher der eigenen Sicherheit als der Realität.
Was wäre wenn der kern der frage nicht das eingreifen ist sondern die art wie wir uns gegenseitig sichtbar machen. Vielleicht geht es darum zu lernen wie man aufmerksam bleibt ohne die situation zu verschlimmern.
Scham kann wie ein schwerer Rucksack wirken doch vielleicht ist sie auch ein Hinweis darauf dass wir das Geschehen ernst nehmen.