Ich stehe gerade wirklich vor einer Frage, die mich beschäftigt. Letzte Woche habe ich in der Bahn eine ältere Dame mit einem offensichtlich migrantischen Hintergrund auf Deutsch angeboten, meinen Platz einzunehmen. Sie hat mich nur kühl angesehen und auf Englisch geantwortet, sie brauche keine Hilfe. Seitdem frage ich mich, ob mein automatischer Reflex, der von Höflichkeit geprägt sein soll, vielleicht selbst eine Art ungewollte Grenze zieht. Ich möchte eigentlich nur normal und respektvoll miteinander umgehen, ohne ständig über solche Dinge nachdenken zu müssen. Aber irgendwie fühlt es sich jetzt kompliziert an.
Ich verstehe dich gut. Die Szene in der Bahn fühlt sich an wie eine Prüfung der Höflichkeit und danach fragt man sich ob man zu weit gegangen ist. Vielleicht war es nur ein flüchtiger Moment der Unsicherheit und dein Impuls passte nicht zum Blick der anderen.
Wenn man darüber nachdenkt wirkt Höflichkeit wie ein ungeschriebenes Script das uns routiniert handeln lässt. Passt die Reaktion des Gegenübers nicht zur eigenen Absicht kippt die Haltung ins Zweifelvolle und man fragt sich ob man im öffentlichen Raum wirklich gemeinsam handelt statt isoliert zu handeln. Es ist eine Spiegelung zwischen Innenwelt und Außenwelt.
Vielleicht ist die Frage zu groß für so eine kurze Begegnung und der öffentliche Raum wird zu einer Bühne für Erwartungen. Manchmal scheint eine Geste der Hilfe harmlos doch andere Deutungslinien drehen sich hinterher schneller als gedacht. War das wirklich eine Ablehnung oder war es einfach ihr Tag?
Vielleicht wird hier ein neues Bild vom öffentlichen Raum sichtbar statt einer einfachen Antwort zu suchen. Man könnte von einer Höflichkeitsgrenze sprechen die in jeder Begegnung neu verhandelt wird ohne klare Regeln. Das führt uns zu einer Idee die die Sache neu rahmt ohne sie zu lösen.