Ich war letztes Jahr beruflich in Brüssel und habe dort mit Kollegen aus verschiedenen EU-Ländern zu tun gehabt. Seitdem beschäftigt mich eine Sache: Ich habe das Gefühl, dass wir bei uns zu Hause oft sehr abstrakt über europäische Solidarität sprechen, aber wenn es konkret wird, zum Beispiel bei der Verteilung von Mitteln oder bei Grenzfragen, dann höre ich immer dieses leise, aber beständige Raunen des nationalen Eigeninteresses. Das hat mich nachdenklich gemacht, weil ich in den Gesprächen in Brüssel echte gemeinsame Anliegen gespürt habe, die dann aber irgendwie auf der langen Reise in die nationalen Hauptstädte verloren gehen. Vielleicht geht es anderen ähnlich.
Solidarität klingt großartig, aber dein Brüssel-Erlebnis zeigt, wie die Kraft davon oft auf dem Weg in die nationalen Hauptstädte verloren geht.
Die Idee bleibt in Brüssel eine klare Linie, doch die Umsetzung scheitert an Verteilungslogik und an verteilten Verantwortlichkeiten, die sich in nationale Muster einfädeln.
Vielleicht ist Solidarität nur eine schöne Phrase, die sich im Budgetkalender verhakt; ich bleibe skeptisch, ob daraus wirklich faire Entscheidungen entstehen.
Statt von Solidarität zu reden, könnte man fragen, wie man Verantwortung sichtbar macht, wer profitiert und wer verliert, und wem Raum bleibt, unbequeme Prioritäten auszusprechen.
Was wäre, wenn die eigentliche Frage nicht ist, ob Europa solidarisch ist, sondern wie viel Freiheit jedes Land bereit ist zu geben, um andere Prioritäten zu akzeptieren?
Vielleicht beginnt echte Solidarität dort, wo man die nationale Perspektive kurz aussetzt und das Ganze als kollektives Lernprojekt sieht.