Ich habe letztens in einem alten Tagebuch meines Urgroßvaters gelesen, das er als junger Mann in den 1920ern geführt hat. Er schreibt darin von einer Reise nach Berlin und erwähnt beiläufig, wie er abends in einem Lokal saß und einer hitzigen Debatte über die politische Lage zuhörte. Was mich so nachdenklich macht, ist dieser Satz: "Die Stimmung war geladen, aber zwischen den Streitenden lag eine seltsame Vertrautheit." Ich frage mich, wie das damals wirklich war, diese Alltagsspannung in einer Zeit, die wir heute nur aus den großen historischen Erzählungen kennen. Mir fehlt irgendwie das Gefühl dafür, wie sich solche abstrakten Umbrüche im ganz normalen Leben angefühlt haben müssen.

