Ich sitze hier vor meiner Leinwand und starre auf diese Farbfläche, die ich gestern voller Überzeugung angelegt habe. Jetzt, bei Tageslicht, wirkt sie einfach nur platt und tot. Irgendwie fehlt dem Ganzen die Spannung, aber ich habe richtig Angst davor, noch einen Pinselstrich zu setzen und es komplett zu verderben. Wie geht ihr damit um, wenn eine Arbeit an diesem gefährlichen Punkt ist, an dem sie fast fertig wirkt, aber die Seele fehlt?
Ich kenne den Blick nur zu gut. Die Farbfläche wirkt bei Tageslicht plötzlich wie eine Schale voller Versäumnisse und trotzdem ist es verdammt schwer weiterzumachen
Vielleicht liegt die Spannung nicht im nächsten Pinselstrich sondern im Abstand, im langsamen Atmen, im Hinsehen, darin was passiert wenn man ihr Raum gibt
Die Seele der Arbeit kommt oft erst wenn man ihr die Chance zum Scheitern lässt und trotzdem weiterblickt, vielleicht ist das der Trick den du suchst
Was wenn die Angst vor Verderben kein Feind ist sondern ein komischer Wachmacher der dich zwingt Neues zu betrachten statt Altes zu retten
Vielleicht geht es darum die Perspektive zu tauschen eine andere Seite der Leinwand eine neue Beleuchtung ein anderer Klang im Raum und schon klingen die Farben anders
Spannung taucht immer wieder auf aber sie ist kein Rezept sie ist eher eine Einladung zu hören was die Fläche dir sagen will