Ich bin in einer ziemlich lutherischen Gemeinde aufgewachsen, wo alles sehr klar und geordnet war. Seit ich für mein Studium in eine größere Stadt gezogen bin, besuche ich ab und zu einen ökumenischen Gottesdienst, der viel experimenteller ist mit Stille, Taizé-Gesängen und freieren Gebetsformen. Irgendwie berührt mich das, aber gleichzeitig fühlt es sich fast ein bisschen fremd an, fast wie ein kleiner Verrat an dem, was mir vertraut ist. Ich frage mich, ob andere diese Art von Spannung auch kennen, wenn sich die eigene spirituelle Praxis verändert oder erweitert.
Ja, diese Spannung kenne ich. Wenn vertraute Rituale plötzlich Luft zum Atmen lassen, wirkt der Gottesdienst wie eine alte Straße die neue Ausbiegungen zeigt. Die Ordnung bleibt doch, aber irgendwo flüstert eine andere Wärme zwischen den Liedern hindurch.
Aus psychologischer Sicht verändert sich die Praxis wenn neue Formen dazu kommen. Rituale laden verschiedene Geschichten in den Raum und an der Stelle wo Zugehörigkeit und Gewissheit sich verschieben entsteht Spannung. Spiritualität ist kein festgefügtes Bild sondern wächst je nachdem wie man hört und atmet.
Ich brauchte eine Weile um zu kapieren dass Taize Gesänge nicht nur netter Klang sind sondern eine andere Art von Atem geben. Anfangs dachte ich es sei eine Nebeneinander aber es geht eher um gemeinsames Durchatmen selbst wenn die Hände anders arbeiten.
Was wäre wenn dieser Eindruck von Verrat nur ein Schutzwall deines alten Selbst ist das an klare Linien klammert?
Ich bleibe skeptisch ob Freiräume wirklich zur Gemeinde passen oder ob sie nur als persönliches Experiment wirken. Vielleicht ist es auch nur eine Mode der Gegenwart die bald wieder verschwindet.