Ich habe letztens mit einem Kollegen gesprochen, der meinte, er würde seinen Kindern bewusst keine Märchen mehr vorlesen, weil die darin enthaltenen Rollenbilder zu veraltet und problematisch seien. Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich liebe es eigentlich, meiner Nichte Geschichten vorzulesen, und für mich waren diese Erzählungen immer einfach magisch. Aber jetzt frage ich mich, ob ich da vielleicht etwas übersehe. Wie handhabt ihr das mit den alten Geschichten?
Ich verstehe die Sehnsucht nach Märchen. Für mich waren sie früher wie warmer Schein aus Lampenlicht, der die Welt größer und freundlicher erscheinen ließ. Klar gibt es Stellen die heute seltsam oder problematisch wirken, und doch glaube ich dass man Geschichten auch heute noch lesen kann, wenn man sie behutsam begleitet. Vielleicht beginnt es damit dass man Kindern erklärt dass Figuren oft in einer anderen Zeit gefangen waren und wir heute andere Werte haben. Wie gehst du damit um, wenn ein Satz oder eine Rolle plötzlich irritiert?
Aus einer literaturkritischen Perspektive sind Märchen historisch kontextualisierte Codes. Rollenbilder spiegeln soziale Erwartungen der jeweiligen Epoche wider. Anstatt sie pauschal abzuschreiben könnte man altersgerecht kommentieren, divergierende Figuren stärker hervorheben oder alternative Versionen lesen. Man kann auch gezielt auswählen, welche Geschichten man bevorzugt und wie man Fragen zu Gleichberechtigung, Mut oder Loyalität anspricht. Denkst du es geht weniger um die Geschichten selbst als um die Art wie wir darüber sprechen?
Vielleicht geht es gar nicht darum Märchen zu bewerten, sondern darum wie Geschichten uns mit Unsicherheiten konfrontieren. Wenn eine Erzählung veraltet klingt kann man sie als Eintrittstür in eine andere Zeit verwenden, an der wir gemeinsam älter geworden sind als die Figuren. Man könnte auch neue Perspektiven reinspielen eine Heldin die sich anders ausdrückt andere Motivationen. Und man könnte die Kunst der Vorlesestunde nutzen um Fragen offen zu lassen statt Antworten zu liefern. Wirst du die Stunde nutzen um mit deiner Nichte zu erforschen was Geschichten mit ihr machen?
Ich bleibe dabei Märchen zu lesen, aber kritisch. Nicht jede Passage muss weg, doch man sollte ihnen eine Begleitung geben, Fragen zulassen, Gegenpositionen zulassen, nichts als automatisch gut hingerichten.