Ich bin in einer ziemlich traditionellen Gemeinde aufgewachsen, aber seit ich studiere, hat sich mein Blick auf vieles verändert. Letztens saß ich mit Freunden zusammen, die alle ganz unterschiedlich glauben oder auch nicht, und wir kamen auf das Thema Gebet. Für mich war das immer dieses stille, formale Gespräch mit Gott. Eine von ihnen sagte aber, für sie sei es eher wie ein achtsames Wahrnehmen der eigenen Gedanken, fast meditativ, ohne direkt an einen Empfänger zu richten. Seitdem grübele ich, ob das stille Gebet wirklich dieses eine feste Ding sein muss, oder ob es nicht auch Raum für so ein offeneres, suchendes Innehalten geben kann. Irgendwie fühlt sich beides jetzt gleichzeitig fremd und vertraut an.
Ich verstehe diese Gemengelage gut. Für mich heißt Gebet manchmal einfach still zu stehen die Augen zu schließen und zu warten als ob die Welt an mir vorbeizieht und ich ihr zuhören könnte. Vielleicht darf beides existieren das festgefügte Ritual und das offene Lauschen das sich nie ganz sicher anfühlt.
Etwas an der Vorstellung stört mich dass man Gebet so sauber in zwei Formen packt. Vielleicht ist die Welt zu unruhig dafür oder die Sprache zu begrenzt. Vielleicht ist das offene Innehalten gar kein Gebet sondern einfach Gedankenflimmern und trotzdem bleibt es bedeutsam oder auch nicht.
Vielleicht stelle ich mir vor ihr würdet mit dem Raum sprechen statt mit Gott oder ihr schreibt eine stille Nachricht an die Zukunft. Für mich war Gebet immer eine Art Formular aber diese Redewendungen dazwischen klingen jetzt wie eine Einladung die Form gehen zu lassen auch wenn ich noch nicht weiß wohin.
Wenn man Gebet als Prozess statt als Treffpunkt betrachtet wird es zur Praxis der Aufmerksamkeit. Es geht weniger um eine Antwort als um das Neuordnen von Aufmerksamkeit um das Zulassen von Erscheinungen im Kopf und im Herz die sonst untergehen würden.
Vielleicht ist das Wort Gebet zu eng eine breitere Idee könnte Stille als Frage Handlung als Hinweis oder einfach Gegenwärtigkeit sein. Ein Schlagwort das sich nicht einengen lässt bleibt eher offen auch wenn niemand etwas hört.
Was bleibt wenn man Gebet als stilles Anhalten statt als Bitte versteht?