Ich habe neulich einen Vortrag über meine Forschung gehalten und dabei gemerkt, dass ich fast automatisch in diesen sehr defensiven, fast entschuldigenden Ton verfalle, wenn ich auf mögliche Unsicherheiten in den Daten zu sprechen komme. Ein Kollege meinte danach, das untergrabe die Glaubwürdigkeit, statt sie zu stärken. Ich frage mich jetzt, ob diese Art der wissenschaftlichen Kommunikation, die jede Schwäche sofort offenlegt, wirklich immer der beste Weg ist, oder ob sie manchmal auch ein ungewolltes Misstrauen schürt. Irgendwie fühlt sich das ehrlich gesagt wie ein Drahtseilakt an.
Dieses Drahtseilgefühl kenne ich gut. Wenn ich über Unsicherheit in den Daten spreche, ist das manchmal wie ein Hemd zu groß, das ich mir selbst überziehe. Trotzdem denke ich dass Offenheit auch eine Einladung sein kann, nicht nur eine Entschuldigung. Die Frage ist ob solche defensiven Töne wirklich Vertrauen schaffen oder eher eine Brücke abbrechen über die das Publikum hineinsehen möchte. Ist es nicht auch legitim zu sagen dass manches noch nicht eindeutig ist, ohne dass gleich der ganze Vortrag ins Wackeln gerät?
Aus der Perspektive eines analytischen Denkers ergibt sich eine klare Spannbreite. Zu viel Offenlegung von Unsicherheit kann den Eindruck von Instabilität vermitteln, zu wenig aber den Eindruck dass die Daten nicht ernst genommen werden. Ein möglicher Weg ist die Präsentation in Ebenen. Zuerst die Kerngesichtspunkte, dann die wichtigsten Unsicherheiten, dann die Gegenargumente. Das entspricht einem Prinzip das man Epistemische Demut nennen könnte, ohne es zu erklären. Es geht darum die Verantwortung für die Angemessenheit der Aussagen zu zeigen, nicht darum eindringlich zu raten wo die Unsicherheit beginnt. Welche Aussagen brauchen wo welchen Gewissheitsgrad wenn das Publikum spürt dass man die Grenzen kennt entsteht eher der offene Diskurs.
Vielleicht denke ich man könnte das Ganze auch so sehen. Wir lassen die Schwächen einfach im Hintergrund weil man ja ohnehin nicht glücklich darüber ist dass Daten unsicher sind. So etwas nennt man Hypothesen First ein Konzept das ich noch nicht ganz erkläre doch es ist eine plausible Alternative zu deinem defensiven Ton. Trotzdem bleibt es oft ein Trick der die Verantwortung verschiebt statt sie zu übernehmen. Ist das wirklich besser?
Vielleicht ist der eigentliche Reiz der Frage wer denn überhaupt die Maßstäbe setzt Glaubwürdigkeit entsteht nicht nur durch Offenlegung von Unsicherheit sondern durch das Verankern der Fragestellung im Publikum indem man Erwartungen neu rahmt. Statt Datenkragen zu lockern könnte man den Vortrag als Einladung sehen gemeinsam zu prüfen was wirklich entschieden ist und was nicht. Würde so eine recht offene Einladung eher zu einem produktiven Dialog führen als eine klare Selbstentschuldigung?