Ich bin gerade etwas verunsichert. Meine Familie feiert seit Generationen ein ganz bestimmtes Erntedankfest, bei dem es eine sehr strenge Abfolge von Liedern und sogar spezielle Tänze gibt. Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal einen engen Freund mitgebracht, der aus einer ganz anderen Kultur stammt. Er war total fasziniert, aber ich konnte ihm kaum erklären, warum wir bestimmte Dinge genau so machen und nicht anders. Seitdem frage ich mich, wie viele dieser Bräuche eigentlich noch einen echten Bezug zu unserem heutigen Leben haben, oder ob wir sie nur aus Gewohnheit weitertragen. Irgendwie fühlt sich das Ritual für mich seitdem anders an.
Es fühlt sich an wie ein warmer Mantel aus Erinnerungen. Das Erntedankfest trägt eine Geschichte in sich und doch kann jeder darin neue Bedeutungen finden. Es tut gut zu hören wie dein Freund fasziniert war und zu spüren dass Rituale auch geöffnet werden können.
Wenn Rituale wie das Erntedankfest weitergereicht werden bleibt oft die Frage wer profitiert und wer bestimmt wann ein Brauch noch Sinn macht. Ausgerechnet in der Vielfalt zeigen sich Grenzen und Chancen zugleich. Vielleicht ist die Sache nicht der Ursprung selbst sondern die gemeinsame Praxis die Bedeutung neu aushandelt.
Ich verstehe das so dass der Reigen aus Liedern und Tänzen eine Art Speiseplan für die Seele ist.
Was wenn die Frage nach dem Sinn der Bräuche schon die eigentliche Frage ist und wir zu sehr auf den Nutzen schauen statt auf das Sein?
Vielleicht lässt sich Erntedankfest auch als Geschichte sehen die Bräuche bewahrt damit Menschen zusammenkommen und Geschichten erzählen auch wenn die Zeiten sich schieben.
Solche Rituale scheinen oft nur aneinandergekettete Traditionen zu sein ohne echten Bezug zu heute Wer erzählt wem warum und was bleibt schließlich?